SAP WM versus SAP EWM – alle Pros und Contras (2/2)

Daniel Rotter

Daniel Rotter

Warehouse Management (WM), Stock Room Management, embedded EWM oder dezentrales EWM – ein bunter Strauß an Möglichkeiten.

Im ersten Teil unserer Blog-Serie haben wir die neuen Begrifflichkeiten im SAP EWM sowie die Organisationseinheiten genauer betrachtet. Außerdem haben wir uns das neue, auf SAP S/4HANA basierende

System im Detail angeschaut. In diesem zweiten Teil möchten wir Ihnen weitere Entscheidungshilfen an die Hand geben, wie ein reibungsloser Umstieg aussehen kann, und gehen auf weitere Funktionen ein.

EWM vs. WM – Prozessabläufe

Neben den Unterschieden zu den Stammdaten kommt ein wesentlicher Unterschied hinzu: Der Prozessablauf bzw. die Kommunikation zwischen der Lagerverwaltung und den angrenzenden Modulen.

„Embedded EWM“ ist nicht gleich „embedded“, wie viele Kunden vermuten. Der Unterschied liegt darin, dass gewisse Schnittstelleneinstellungen erfolgen müssen. Genauer gesagt, müssen bestimmte Belege ausgetauscht werden, damit ein reibungsloser Ablauf sichergestellt wird. In den folgenden Schaubildern möchte ich die SAP WM/EWM-Prozessabläufe gegenüberstellen.

  1. Wareneingang zur Bestellung
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Wareneingang zur Bestellung: Unterschiede zwischen WM und EWM

Unterschiede zwischen WM und EWM beim Wareneingang

Aktuell ist der Kunde gewohnt, dass er den Wareneingang über die MIGO bucht, dann einen Transportbedarf erhält und über den daraus folgenden Transportauftrag die Einlagerung abschließt. Im Gegensatz zum SAP WM benötigt das SAP EWM Anlieferungen (VL31N) aus dem SAP ERP, damit der Kunde die Einlagerungen durchführen kann.

Die Anlieferung wird im SAP EWM repliziert. Diese stellt im SAP EWM den Transportbedarf dar, um später die Einlagerung über Lageraufgaben zu starten. Und hier ist der entscheidende Unterschied: Der Wareneingang erfolgt im SAP EWM zur Anlieferung (Transaktion /SCWM/PRDI) und wird an das SAP ERP zurückgemeldet. Erst nach dem Wareneingang wird die Einlagerung gestartet, die Ware auf den Platz gelagert und der Vorgang mit einer Quittierung abgeschlossen.

Alternativ kann mit der Quittierung der Einlagerung der Wareneingang gebucht werden. In der Regel wird aber der erste Fall genutzt, da die von SAP EWM vorgesehenen zwei Lagerort-Strategien sonst überflüssig wäre. Erst mit der „WE-Buchung“ wird auf einen Zwischen-Lagerort gebucht (Received on Dock), damit jeder im System sehen kann, dass diese Ware bereits vereinnahmt wurde. Jedoch ist diese erst für weitere Prozesse verfügbar, wenn sie auf dem finalen Lagerplatz liegt. Dann würde das System automatisch mit der Quittierung der Lageraufgabe eine Umbuchung auf einen zweiten Lagerort (Available for Sales) umbuchen. Das hat den Vorteil, dass erst auf die Ware zugegriffen werden kann, wenn die Ware auch wirklich verfügbar am Platz liegt.

SAP EWM schafft Transparenz

Im Gegensatz zum SAP WM kann das SAP EWM schon früher im Prozess aufsetzen und mehr Transparenz schaffen. Bereits beim „Entladen“ des LKWs können Lageraufgaben für die Bewegungen vom LKW zur Wareneingangszone abgebildet werden. Zudem erkennt das System Mischpaletten, die automatisch auf eine Dekonsolidierungsstation geleitet werden. Der Mitarbeiter packt diese in material-/chargenreine Paletten um, damit auch eine optimale Lagerplatznutzung gewährleistet ist.
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Wareneingang zur Bestellung: mögliche Prozesse die in EWM abgebildet werden können

Auswirkungen auf das Personal können gering gehalten werden

Für viele Kunden ist der Ablauf mit Anlieferungen erst einmal ein ungewohntes Terrain, da sofort Fragen kommen wie zum Beispiel:

  • „Wer legt die Anlieferung an?“
  • „Wann lege ich die Anlieferung an?“
  • „Wie gestaltet der Einkauf seinen Auftragsbestätigungsprozess?“
  • „Welche Felder kann ich im ERP zur Anlieferung noch ändern?“
Für die Mitarbeiter:innen ist der Ablauf zunächst ungewohnt, aber kein Grund, auf SAP EWM zu verzichten. Im Gegenteil, die Umstellung könnte ein Grund sein, den Lieferanten dazu zu bewegen, die Anlieferungen automatisiert über einen DESADV abzuwickeln, um auch in der Lieferkette effizienter zu werden. Immerhin bietet sich auch die Chance, Palettendaten im Vorfeld auszutauschen, sodass der Wareneingang entlastet wird. Alternativ gibt es immer Mittel und Wege, den Prozess zu verschlanken und die Auswirkungen für das Personal so gering wie möglich zu halten.

Releases bringen sukzessive mehr Integration

Mit der Einführung des S/4HANA-Systems der SAP wurde das EWM zu Beginn mit all seinen Funktionen in das S/4HANA eingebettet, ohne wirklich integrierter zu sein. Daher arbeitet die SAP kontinuierlich daran, mehr Integration zu schaffen. Seit dem Release S/4HANA 2020 ist es nun möglich, ohne Anlieferungen einen Wareneingang zur Bestellung zu buchen (synchrone Verbuchung). Allerdings kann diese Funktion nicht mit einer QM-Integration genutzt werden. Diese Funktion wird erst in einem späteren Release zur Verfügung stehen.

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EWM - Synchrone Buchung im Wareneingangsprozess

Wareneingang zum Produktionsauftrag

Der SAP WM-Prozess verhält sich hier genauso wie beim „Wareneingang zur Bestellung“. Im SAP EWM funktioniert der Wareneingang zum Produktionsauftrag sehr ähnlich. Hier gibt es nur einen Unterschied. Der Startpunkt ist nicht die Anlieferung, sondern die MIGO, die am Ende im Hintergrund die Anlieferung im SAP ERP anlegt und diese wieder für das SAP EWM repliziert. Der weitere Ablauf ist genau der gleiche wie bei der Bestellung. Das heißt, auch wenn man die MIGO bucht, wird erstmal kein Materialbeleg erzeugt. Dieser kommt wie gewohnt aus der Anlieferung im SAP EWM (/SCWM/PRDI). Die MIGO triggert zunächst nur die Anlieferung.
Diese Verfahrensweise scheint sehr ungewohnt für die Kunden, da diese in der Regel gewohnt sind, dass ein Materialbeleg nach einer MIGO-Buchung entsteht. Auch hier wird am Ende der Materialbeleg aus dem SAP EWM getriggert, sodass der Prozess im SAP EWM gegenüber den anderen Prozessen auch gleich abgewickelt werden kann. Auch hier kann die synchrone Verbuchung, wie schon beim WE zur Bestellung, genutzt werden.
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Wareneingang zur Produktionsauftrag: Unterschiede zwischen WM und EWM

Warenausgang zur Kundenlieferung

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Warenausgang zur Kundenauslieferung: Unterschiede zwischen WM und EWM
Bevor der Warenausgang zur Kundenauslieferung gebucht wird, müssen im SAP WM die Transportaufträge angelegt und abgearbeitet werden. Danach ist die Warenausgangsbuchung zur Auslieferung möglich.
In einem EWM-Lager muss erstmal auf ERP-Seite eine Auslieferung, mit der VL01N angelegt werden, damit diese wieder and das EWM repliziert wird. Anschließend werden, wie gewohnt, über die Transaktion /SCWM/PRDO die Lageraufgaben angelegt und quittiert. Der Warenausgang kann dann im EWM zur Auslieferung gebucht und an das ERP-System übergeben werden.
Im Anschluss wäre es im EWM noch möglich, die Verladung auf den LKW mit Hilfe von Lageraufgaben abzubilden, um auch hier die Transparenz im Prozess zu schaffen und ggf. den Warenausgang erst mit der Verladung auf den LKW zu buchen.
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Warenausgang zur Kundenauslieferung: Mögliche Prozesse, die in EWM abgebildet werden können
Bei diesem Prozess finden sich die meisten Kunden schon eher wieder, da das WM in der Abfolge gleich agiert. Der Vorteil des EWM liegt aber auch hier klar in der Transparenz des nachgelagerten Prozesses der Verladung.

EWM versus WM-Funktionen

SAP EWM bietet grundsätzlich mehr Funktionen als das SAP WM. Jedoch gibt es zwei Funktionen, die auch bereits ohne eine zusätzliche EWM-Lizenz zur Verfügung stehen. Das ist zum einen die layoutorientierte Lagersteuerung (LOLS) und zum anderen die prozessorientierte Lagersteuerung (POLS).

Die Lagersteuerung kann nur verwendet werden, wenn Handling Units im Lager gebildet werden. Es ist auch möglich, LOLS und POLS gleichzeitig zu nutzen, wobei erst immer alle Schritte aus der POLS abgearbeitet werden. Anschließend prüft die LOLS, ob der Prozessschritt aus LOLS-Sicht möglich ist.
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Layoutorientierte Prozesssteuerung im EWM - Beispiel
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Prozessorientierte Prozesssteuerung im EWM - Beispiel

EWM vs. WM – mehr Übersicht mit dem Lagermonitor

Für die Lagerleitung ist es oft schwer, alle Prozesse im Blick zu haben und auch in kurzer Zeit richtig reagieren zu können. Im WM prüft man seine Bestände über die LX03, aber die Transportaufträge legt man mit der LT10 an. Alte Belege werden wiederum mit der LT24 gecheckt. Darüber hinaus gibt es viele Transaktionen, um gewisse Aktionen zu starten. Man hat aber nicht die Möglichkeit aus einer LX03 zu agieren.
Mit dem EWM-Lagermonitor (/SCWM/MON) hat man nun alles im Blick und die Möglichkeit, aus dem Monitor heraus zu agieren. Alles was im EWM stattfindet, kann über den Monitor abgerufen werden. Es ist möglich, Lageraufgaben zu Beständen anzulegen und diese auch aus dem Monitor zu quittieren. Ebenso kann man eine Massenquittierung von Lageraufgaben starten. Der Monitor hilft immer dabei, die Übersicht zu behalten und entsprechend reagieren zu können. Sollte das Layout vom Monitor nicht zusagen, kann dieses angepasst werden. Mit Hilfe eines mehrgeteilten Bildschirms ist es Anwender:innen möglich, viele Informationen auf einen Blick zu erfassen.
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Lagermonitor im EWM - alles auf einen Blick

EWM vs. WM – höhere Benutzerfreundlichkeit dank FIORI

Mit der Einführung von S/4HANA schlägt die SAP auch einen neuen Weg bei der Benutzeroberfläche ein. Ziel ist es, dem Anwender die Arbeit mit SAP zu erleichtern. Hierfür wurden die FIORIs etabliert, die mit Hilfe vom FIORI Launchpad im Web Browser aufgerufen werden können. Dadurch ist es auf allen modernen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets möglich, die Anwendungen zu starten. Diese passen sich dann automatisch dem Bildschirm an. Die Apps sollen die Anwender:innen vom SAP GUI lösen, da jede Transaktion im SAP GUI auch im FIORI Launchpad verfügbar ist. So sollen sich Nutzer:innen auf das browserbasierte Arbeiten fokussieren. Auch Kunden, die noch ein ECC6.0 besitzen, können in den Genuss von FIORIS kommen.

Dabei muss man unterscheiden, ob man eine „echte“ FIORI oder eine „fiorisierte“ App nutzt. Eine „echte“ wurde von der SAP mit speziellem Hinblick auf Mehrwert und Anwenderfreundlichkeit neu entwickelt.

Eine „fiorisierte“ App stellt eine SAP GUI-Transaktion dar, die für das FIORI-Launchpad gerendert wurde. Die Funktionen und das Layout spiegeln die SAP-GUI-Transaktion wider. User würden hier allerdings keinen Unterschied erkennen. Dieser Schritt war notwendig, da man nicht von Anfang an für alle im SAP notwendigen betriebswirtschaftlichen Prozesse eine neue App zur Verfügung stellen konnte.

Um den Überblick zu behalten, welche Apps derzeit zur Verfügung stehen, sollte man mit der SAP FIORI Apps Reference Library arbeiten. Dort stehen alle notwendigen Informationen, die für die Nutzung einer App notwendig sind. Mit jedem neuem Release werden mehr und mehr „echte“ FIORIs angeboten.

Anbei Layout-Beispiele für eine „echte“ und eine „fiorisierte“ App.
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Ausschnitt aus einer „echten“ FIORI App
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Ausschnitt aus einer „fiorisierten“ App
Nun haben wir gelernt, dass wir auf einem SAP S/4HANA-System ein Stock Room Management einsetzen können, dass das WM-Modul aus dem ERP ECC 6.0 ersetzen soll. Jedoch gibt es hier eine schlechte Nachricht: Es werden im Standard keine FIORI Apps für Stock Room Management angeboten.
Da EWM das strategische Produkt für die SAP ist, werden nur hier „echte“ und „fiorisierte“ Apps angeboten. Wenn der Kunde nun eine FIORI-Strategie für sich plant, dann muss er sich gut überlegen, ob das Stock Room Management in diese Strategie hineinpasst. Wenn der Kunde sich dennoch für FIORI und Stock Room Management entscheidet, dann bleibt ihm höchstens die Möglichkeit, seine eigenen FIORI Apps zu entwickeln.
EWM hat hier einen klaren Vorteil. Es gibt bereits sehr gute „echte“ FIORIs, die auch einen wirklichen Mehrwert für Anwender:innen schaffen und das Angebot wächst stetig. Dennoch ersetzen die Standard-FIORIs aus meiner Sicht nicht die bekannten RF-Applikationen für die mobile Datenerfassung. Die FIORI Apps sind eher für Desktops geeignet, die auch einen festen Arbeitsplatz haben, wie zum Beispiel für den Prozess „Verpacken im Warenausgang“. Die Empfehlung ist dennoch, vorher abzuklären, welche Prozesse der Kunde besitzt und dann zu entscheiden, ob eine bereits verfügbare FIORI passt und evtl. doch mobil genutzt werden kann. Dafür bedarf es einen Austausch mit den Anwender:innen.

EWM vs. WM – weitere wichtige Funktionen

Unsere Empfehlung für Sie

Es ist nachvollziehbar, dass der Kunde sich im Dschungel der Lagerverwaltung erstmal mit einer Strategie schwer tut. Wir helfen Ihnen bei Ihrer Entscheidungsfindung! Wir betrachten dezidiert Ihre Bedürfnisse und dazu gehört es, fair zu bewerten, ob ein Stock Room Management vielleicht doch Sinn macht, auch wenn es nicht das strategische Produkt der SAP ist. Wir empfehlen, EWM nicht voreilig abzulehnen, nur weil es komplexer und ungewohnter scheint. Wichtig ist es, dass Sie die richtigen Ressourcen an der richtigen Stelle einsetzen. Ich bin der Meinung, dass vor allem das Basic EWM einen sehr großen Mehrwert für unsere Kunden bietet – und das ohne Zusatzkosten!

Wir sind für Sie da!

Sollten auch Sie an einen Umstieg denken, lassen Sie uns es wissen. In unserem nächsten Artikel werden wir uns genauer ansehen, wie die Prozessabläufe und Funktionen im Vergleich SAP EWM versus SAP WM aussehen. Wir unterstützen Sie dabei, Ihre betrieblichen Abläufe effizienter, transparenter und kostensparender zu gestalten und damit Ihre Lieferketten zu verbessern. Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann Setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung.

Wenn Sie Fragen zu diesem oder anderen Themen in diesem Blog haben, wenden Sie sich bitte an blog@leogistics.com.

Daniel Rotter,
Senior Consultant SAP Logistics 

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