Advanced Shipping and Receiving: TM-EWM-Integration mit ASR

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Dennis Fiech

Transport und Lager enger verzahnt

Die Abstimmung zwischen Transport und Lager spielt in der Logistik schon lange eine entscheidende Rolle. Mit der Einführung von Advanced Shipping and Receiving (ASR) in SAP S/4HANA zeigte sich eine deutliche Weiterentwicklung in diesem Bereich. Die Integration verknüpft das Transportation Management (TM) mit dem Extended Warehouse Management (EWM) und verfolgt das Ziel, die bisherige Transportation Unit (TU) zu ersetzen. Es handelt sich um einen durchgängigen End-to-End-Prozess, der alle Schritte von der Ankunft des LKWs am Tor bis zur Warenübernahme im Lager nahtlos aufeinander abstimmt und koordiniert. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf ASR und stellen außerdem die aktuellen Neuerungen vor, die mit dem FPS0 Update von SAP bereitgestellt wurden.

Von getrennten Systemwelten zu integrierten End-to-End-Prozessen

In der Praxis war die Integration zwischen Transportation Management und Extended Warehouse Management lange von komplexen Schnittstellen geprägt. Bis zur Einführung von ASR erfolgte die Integration von TM und EWM über die Transportation Unit (TU). Aus Freight Units (FU) wurden TM-seitig Freight Orders (FO) erzeugt, die die transportrelevanten Informationen und Anweisungen enthalten. Auf EWM-Seite stand die TU, die als eigenes EWM Objekt fungierte, das sämtliche Lageraktivitäten wie Torzuordnung, Check-In, Verladung oder Handling Units bündelte. Damit entstand jedoch ein paralleles Dokument zur Freight Order, das gepflegt, synchronisiert und konsistent gehalten werden musste. Änderungen im Transportauftrag mussten oft manuell oder über Erweiterungen in die TU übertragen werden, was den Prozess komplex, fehleranfällig und wenig flexibel machte.
Mit ASR entfällt dieses zusätzliche Zwischendokument vollständig. Stattdessen wird die Freight Order selbst zum alleinigen und beidseitig verwendeten Dokument für Transport und Lager. EWM erzeugt Warehouse Requests und Handling Units direkt aus der FO, und alle operativen Schritte – vom Check-In über die Verladung bis zum Wareneingang – laufen auf Basis desselben Dokuments. Dadurch entsteht eine durchgängige, moderne Prozesslogik, die ohne redundante Datenhaltung auskommt und Änderungen sofort systemübergreifend wirksam macht. Die Integration wird schlanker, transparenter und deutlich flexibler, weil keine Synchronisation mehr zwischen zwei unterschiedlichen Objekten notwendig ist. Gleichzeitig sinkt der technische Aufwand, da weniger Customizing, weniger BAdIs und weniger Sonderlogik erforderlich sind. ASR schafft damit nicht nur eine Vereinfachung, sondern eine einheitliche Architektur, die Transport- und Lagerprozesse in einem gemeinsamen Datenmodell zusammenführt und so die Grundlage für zukunftsfähige, skalierbare Logistikprozesse in S/4HANA legt.

Transport- vs. lagergesteuertes ASR

Im Rahmen von ASR lassen sich zwei grundlegende Steuerungslogiken unterscheiden: der transportgesteuerte und der lagergesteuerte Prozess. Der wesentliche Unterschied liegt dabei in der Frage, welches System die Prozessführung übernimmt und zu welchem Zeitpunkt Transport- und Lageraktivitäten ineinandergreifen.
Beim transportgesteuerten Prozess beginnt die Ausführung bereits mit der Erstellung des Freight Orders. Das TM übernimmt dabei die führende Rolle und stößt die nachgelagerten Prozesse in EWM und ERP an. Die Transportplanung wird somit abgeschlossen, bevor operative Lageraktivitäten starten. Entsprechend ist die Lagerbearbeitung zu Beginn eingeschränkt und wird erst freigegeben, wenn die transportseitigen Voraussetzungen erfüllt sind. Das Lager erhält frühzeitig Transparenz über den Transportauftrag, und die weitere Prozessfreigabe erfolgt anhand definierter transportbezogener Ereignisse.
Im Gegensatz dazu startet der lagergesteuerte Prozess mit den operativen Lageraktivitäten. Die Lagerbearbeitung ist zunächst nicht eingeschränkt und kann parallel zur oder sogar vor der Transportplanung erfolgen. Sobald die Lieferungen an EWM verteilt und ein Outbound Delivery Order erzeugt wurde, setzt das System jedoch eine Sperre auf der Freight Unit für die weitere Lagerbearbeitung. Das TM kann die Transportplanung erst dann finalisieren, wenn im Outbound Delivery Order der Status Shipping Readiness auf „Ready“ gesetzt ist. Hier gibt also EWM den Takt vor und informiert TM über die erreichte Versandbereitschaft – die Freigabe des Transports erfolgt entsprechend auf Basis der tatsächlichen Lagerbereitschaft.
Mit der beidseitigen Abdeckung bietet ASR die nötige Flexibilität, um beide Geschäftsmodelle zu unterstützen. Der transportgesteuerte Ansatz eignet sich besonders für kostenorientierte Full-Truckload-Szenarien, bei denen Raten, Routen und Kapazitäten früh festgelegt werden müssen. Die Transportplanung wird dabei vollständig abgeschlossen, bevor die Lagerprozesse starten. Der lagergesteuerte Ansatz hingegen passt ideal zu schnelllebigen Geschäftsmodellen wie im E‑Commerce. Das Lager kommissioniert und verpackt zunächst auf Basis der Kundenaufträge; anschließend erzeugt das System automatisch optimierte Freight Orders mit exakten Gewichts-, Volumen- und Verpackungsdaten für den Frachtführer.

Die neuesten Features von ASR

Cargo Ready for Shipping
Der Event Code „Cargo Ready for Loading“ erweitert in Advanced Shipping and Receiving (ASR) die Statussteuerung auf Ebene des Ladepunkts einer Freight Order und schafft damit eine eindeutige fachliche Trennung zwischen dem lagerseitigen Ready for Shipping (RFS) und der tatsächlichen Verladebereitschaft für den Transport.
Sobald der Status am Ladepunkt gesetzt wird, signalisiert das System, dass die Sendung physisch bereitsteht und der Ladevorgang beginnen kann. Sind jedoch nicht alle zugeordneten Positionen im Status Ready for Shipping, führt das System automatisch einen Freight‑Unit‑Split durch, inklusive eines nachgelagerten Outbound‑Delivery‑Order‑Splits in EWM, um nur die tatsächlich fertiggestellten Positionen weiterzuverarbeiten.
Darüber hinaus kann „Cargo Ready for Loading“ als Auslöser für eine automatische Konsolidierung von Sendungen genutzt werden. Gleichzeitig fungiert der Status als Voraussetzung für die Anbindung an GTS‑Prozesse. Ab diesem Zeitpunkt können unter anderem folgende Schritte automatisiert angestoßen werden:
  • Anforderung einer Zollrechnung (Customs Invoice)
  • Erstellung einer Exportanmeldung (Export Declaration)
Stock Transport Order
Mit dem ASR‑Szenario für den Inbound‑Prozess im Rahmen von Stock Transport Orders (STO) löst SAP ein lange bestehendes Integrationsproblem im Zusammenspiel von TM, EWM und ERP. Bisher war die ASR‑Unterstützung auf den Outbound‑Teil beschränkt, während der Inbound‑Prozess getrennt davon lief.
Mit der neuen Funktion ist nun ein durchgängiger End‑to‑End‑Prozess möglich: Die Freight Unit wird direkt aus dem STO erzeugt und bleibt über Outbound und Inbound hinweg bestehen. Sowohl EWM‑verwaltete als auch IM‑verwaltete Lager können in allen Kombinationen miteinander integriert werden. EWM erzeugt neben der Outbound Delivery Order nun auch die Inbound Delivery Order für das Zielwerk und steuert den Wareneingang inklusive RFS‑ und Freigabestatus. Gleichzeitig erhält TM alle relevanten Statusupdates, wie etwa Check‑In, Türzuweisung, Ready for Warehouse, Unload oder Wareneingang und kann den Transportprozess konsistent abbilden.
Das Ergebnis ist ein vollständig harmonisierter Materialfluss für interne Werksverkehre, eine saubere Statusführung über alle Systeme hinweg sowie eine deutliche Reduktion manueller Tätigkeiten und Abstimmungsaufwände.
Cross-delivery Handling Units
Darüber hinaus besteht jetzt die Möglichkeit, cross delivery Handling Units im ASR-Prozess zu bilden, wodurch eine konsolidierte Verpackung über Liefergrenzen hinweg unterstützt wird. Diese Möglichkeit besteht sowohl im warehouse- als auch im transportation-getriebenen Szenario und ist unabhängig davon, ob das EWM embedded oder dezentral betrieben wird. Während der Bildung solcher lieferübergreifenden HUs kann ein FU-Merge durchgeführt werden, bei dem alle relevanten FU Items in einer neuen Freight Unit zusammengefasst werden. Ergänzend greifen Konsistenzprüfungen in den Statusschritten „Packed for Shipping“ und „Ready for Shipping“. Diese stellen sicher, dass Transportplanungsart, Carrier, Ship-to-Party, Loading Point oder die Zuordnung zum Frachtauftrag zueinander passen. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere Konsolidierung von Sendungen und eine bessere Auslastung von Transporten.
Change Management für Outbound Deliveries
Außerdem erweitert SAP mit dem neuen Change Management für Outbound Deliveries die Flexibilität im ASR-Prozess erheblich. LE-Outbound-Lieferungen können auch nach der Übermittlung an EWM und TM geändert werden, ohne die Konsistenz zwischen Lieferobjekten und Freight Units zu gefährden. Das integrierte Change Management stellt sicher, dass Anpassungen systemübergreifend korrekt verarbeitet werden und keine Inkonsistenzen entstehen – ein entscheidender Fortschritt für dynamische Logistikprozesse. Dabei bleibt klar definiert, welche Felder unveränderbar sind, etwa Versandbedingungen, Transportmitteltyp oder Lade- und Kommissionierdaten, und welche Felder zwar geändert werden dürfen, aber zusätzliche Prüfungen durch EWM erfordern, wie Mengen, Chargen oder Seriennummern. Unternehmen gewinnen dadurch mehr Flexibilität im operativen Tagesgeschäft, ohne Stabilität oder Prozesssicherheit einzubüßen.

Fazit und Ausblick

Die Entwicklungen rund um ASR verdeutlichen, dass sich Transport- und Lagerprozesse zunehmend zu einem integrierten Gesamtsystem entwickeln. Mit der Ablösung der Transportation Unit und der Nutzung eines einheitlichen Datenmodells auf Basis der Freight Order entsteht eine neue Prozesslogik, die Transparenz und Steuerbarkeit deutlich verbessert. Parallel dazu verfolgt SAP mit dem neuen Produkt Logistics Management (LGM) denselben Ansatz: Logistikprozesse zentral zu bündeln und mit Technologien wie KI zu unterstützen. Das zeigt, dass SAP langfristig auf eine durchgängig integrierte und zukunftsfähige Logistikplattform hinarbeitet, die alle Bereiche enger miteinander verbindet.

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Dennis Fiech
Associate Consultant SAP Logistics

Mattes Scheel
Associate Consultant SAP Logistics

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