Orchestrierung der Vielfalt

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Matthias Kraus

Warum der „One-Size-Fits-All“-Ansatz in der EWM-Kommissionierung ausgedient hat

Wenn wir ehrlich sind: Das Bild vom Lager, in dem hunderte Mitarbeiter mit identischen Handscannern durch endlose Regalgassen laufen, hat vielerorts ausgedient. Nicht, weil die manuelle Kommissionierung tot wäre – ganz im Gegenteil. Aber die Anforderungen an moderne Supply Chains sind mittlerweile so granular und volatil, dass wir mit monolithischen Lagerstrategien schlichtweg gegen die Wand fahren würden. Wer heute wettbewerbsfähig bleiben will, muss Diversität zulassen. Die Kunst liegt nicht darin, sich für eine Technologie zu entscheiden, sondern darin, einen bunten Mix aus Methoden und Devices intelligent zu orchestrieren. Und genau hier wird SAP Extended Warehouse Management (EWM) vom reinen Verwaltungstool zum strategischen Dirigenten.

Der Prozess bestimmt die Technologie, nicht umgekehrt

In Projekten wird oft der Wunsch nach „der einen“ großen Automatisierungslösung geäußert. Doch die Realität in der Intralogistik erfordert Agilität. Ein modernes Distributionszentrum gleicht heute eher einem Organismus mit verschiedenen Gliedmaßen als einer starren Fabrik.

Nehmen wir das klassische Mann-zur-Ware-Prinzip. In C-Teile-Bereichen oder bei geringer Pickdichte ist der Mensch mit einem Handheld oder einem Tablet oft unschlagbar flexibel. Er kann improvisieren, er kann greifen, was ein Roboter (noch) nicht greifen kann. SAP EWM unterstützt hier massiv durch wegeoptimierte Picklisten und Multi-Order-Picking, um die Laufwege drastisch zu reduzieren. Doch sobald wir in den High-Performance-Bereich kommen, kippt die Rechnung. 

Ware-zum-Mann: Wenn das Lager zum Mitarbeiter kommt

Bei Schnelldrehern und hohen Durchsatzraten führt am Ware-zum-Mann-Prinzip kein Weg vorbei. Die Integration von Automatischen Kleinteilelagern (AKL) oder Shuttle-Systemen direkt an ergonomische Hochleistungs-Arbeitsplätze ist in der SAP-Welt dank des integrierten Materialflussrechners (MFS) heute Standard. Die unproduktive Reisezeit des Mitarbeiters wird fast vollständig eliminiert.
Aber die Vielfalt geht tiefer. Wir sehen zunehmend hybride Szenarien, in denen Pick-by-Light oder Pick-to-Light Systeme direkt an diese Arbeitsplätze angebunden sind. EWM steuert dabei nicht nur den Behälterfluss aus dem AKL, sondern triggert in Echtzeit die Lichtsignalanlagen am Arbeitsplatz. Das Ergebnis? Eine Fehlerrate, die gegen Null tendiert, und eine Anlernzeit für neue Mitarbeiter, die sich in Minuten statt Tagen bemisst.

Die neue Ära: AGVs und Robotik als flexible Helfer

Was mich persönlich derzeit am meisten fasziniert, ist der Einzug der Automated Guided Vehicles (AGVs) und autonomen mobilen Roboter (AMR). Früher waren FTS starre Systeme mit fixen Induktionsschleifen – teuer und unflexibel. Heute sind sie freie Radikale im besten Sinne.
Man stelle sich vor: Ein AGV holt eine Palette vollautomatisch aus dem Hochregal und bringt sie zu einem Kommissionierplatz, an dem ein Mensch den Fein-Pick vornimmt. Danach fährt das AGV die Restpalette zurück oder direkt zum Warenausgang. In SAP EWM werden diese Geräte als Ressourcen betrachtet, und genauso gesteuert wie ein Staplerfahrer. Die Grenzen zwischen manueller und automatisierter Welt verschwimmen. Es muss keine starre Fördertechnik mehr quer durch die Halle betoniert werden, die zwei Jahren im Weg steht. Es wird einfach die Flotte der AGVs skaliert.

Die Brücke zur Produktion: Routenzüge und Supermärkte

Ein Bereich, der in der reinen Lagerdiskussion oft vergessen wird, ist die Produktionsversorgung. Hier zeigt sich die wahre Stärke einer integrierten EWM-Lösung. Das Konzept des Supermarktes im Lager, aus dem heraus Routenzüge bestückt werden, ist essenziell für eine Lean-Logistik.
EWM ermöglicht hier eine zweistufige Kommissionierung: Erst die Welle für den Nachschub in den Supermarkt (oft automatisiert), dann die feingranulare Kommissionierung auf den Routenzug-Anhänger – gesteuert durch mobile Apps, die dem Fahrer genau sagen, was in welches Fach des Waggons gehört. Auch hier gilt: Der Mix macht’s. Vielleicht wird der Supermarkt per Handheld bedient, aber der Nachschub kommt per AGV aus dem AKL.

Mut zum Mix

Die Botschaft an Logistikleiter und IT-Entscheider ist klar: Mut zur Heterogenität. Ein Lager, das Handhelds, Pick-by-Light, AGVs, AKLs und Routenzüge parallel nutzt, ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern von Reife.
SAP EWM bietet den technologischen Baukasten, um diese Welten nicht als Silos, sondern als integrierten Fluss abzubilden. Die Herausforderung liegt nicht mehr in der Schnittstelle, sondern in der prozessualen Weitsicht. Wer versteht, für welchen Artikel und welche Auftragsstruktur welche Pick-Methode die richtige ist, und dies in einem System bündelt, der schafft echte Resilienz in seiner Supply Chain. Es gilt, die Silos einzureißen und die Vielfalt zu nutzen.

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Matthias Kraus
Consulting Director EWM

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